Avelumab-Erhaltungstherapie beim Urothelkarzinom: Relevanz von Biomarkern, molekularen Subtypen und RWD
Auf dem diesjährigen Genitourinary Cancers Symposium der American Society of Clinical Oncology (ASCO GU) in San Francisco lag ein besonderer Fokus auf dem Urothelkarzinom (UC). Dabei standen insbesondere zwei Themen im Zentrum der Diskussion: Zum einen gewinnen molekulare Subtypen und Biomarker zunehmend an Bedeutung, da sie potenziell zur Therapieentscheidung und Prognoseeinschätzung herangezogen werden können. Zum anderen rücken Real-World-Studien verstärkt in den Vordergrund, da sie den klinischen Nutzen neuer Therapien unter Alltagsbedingungen abbilden und damit wertvolle Ergänzungen zu den Ergebnissen aus Zulassungsstudien liefern.
Molekulare Subtypen, Nectin-4/HER2-Expression und klinische Assoziationen beim aUC
Die Identifizierung des molekularen Subtyps eines Urothelkarzinoms kann wertvolle Informationen über die Tumorbiologie und damit über die Eignung der Patient:innen für bestimmte Therapien geben. Zur Untersuchung der Relevanz der molekularen Subtypen wurden in der explorativen Analyse von Eckstein et al. Transkriptom-Profile der verfügbaren Tumorproben der Studie Javelin Bladder 100 (JB100) und der öffentlichen TEMPUS-Kohorte mittels RNA-Sequenzierung erstellt und die molekularen Subtypen bestimmt (2).
Die Verteilung der Subtypen war jeweils folgende in der JB100-/TEMPUS-Kohorte: basal-squamös 17,0%/35,1%, luminal nichtspezifiziert 5,4%/5,3%, luminal-papillär 24,1%/15,8%, luminal instabil 17,0%/12,6%, neuroendokrin-ähnlich 0,5%/5,7%, stromareich 36,1%/25,5% (2). In beiden Kohorten wurden die Sequenzierungsdaten auch zur Analyse der Nectin-4- und HER2-Expression herangezogen und mit dem Auftreten der molekularen Subtypen korreliert. Die Expression beider Biomarker war bei den luminalen Subtypen deutlich höher als bei den basalen und stromareichen Subtypen. Darüber hinaus wurde in beiden Kohorten eine starke Korrelation zwischen der Nectin-4- und der HER2-RNA-Expression beobachtet (2).
Weder in der JB100- noch in der TEMPUS-Kohorte zeigte sich zwischen den Subgruppen, basierend auf dem molekularen Subtyp, ein signifikanter Unterschied im Gesamtüberleben (OS) unter der Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie (1, 2).
Nectin-4-RNA-Expression und klinische Resultate bei platinbasierter Erstlinien- Chemotherapie und Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie bei la/m UC
In einer explorativen Post-hoc-Analyse der JB100-Studie untersuchten Klümper et al. das Ansprechen auf eine platinbasierte Chemotherapie in der Erstlinie sowie das Überleben unter Avelumab-Erhaltungstherapie im Vergleich zu Best Supportive Care (BSC) in Subgruppen, die anhand der Nectin-4-RNA-Expression definiert wurden. In der Subgruppe mit hoher Nectin-4-Expression lag das mediane Gesamtüberleben (mOS) unter Avelumab bei 22,1 Monaten gegenüber 14,8 Monaten unter BSC; das mediane progressionsfreie Überleben (mPFS) betrug 5,7 vs. 3,3 Monate. In der Subgruppe mit niedriger Nectin-4-Expression betrug das mOS 30,0 Monate unter Avelumab vs. 18,7 Monate mit BSC, das mPFS lag bei 5,7 vs. 2,2 Monaten (3). Unter Avelumab zeigte die Subgruppe mit niedriger Nectin-4-Expression ein numerisch längeres mOS (30,0 vs. 22,1 Monate) im Vergleich zur Subgruppe mit hoher Expression – ohne statistisch signifikanten Unterschied. Auch hinsichtlich des Ansprechens auf die Chemotherapie zeigten sich keine signifikanten Differenzen (3).
Klümper et al. schlussfolgern, dass die Nectin-4-Expression weder für das Ansprechen auf Chemotherapie noch für OS und PFS unter Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie prädiktiv zu sein scheint (3).
AVENUE-Studie: Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie bei Patient:innen mit la/m UC – Wirksamkeitsdaten aus der Behandlungsrealität
In der zweiten Interimsanalyse der AVENUE-Studie wurden von Goebell et al. Daten zur Wirksamkeit präsentiert (4):
Von den 177 eingeschlossenen Patient:innen stammten 65% (n=115) aus Deutschland. Das mediane Alter lag bei 70 Jahren. Ein ECOG-Performancestatus (PS) von 0 wurde bei 37,3%, ein PS von 1 bei 52% der Patient:innen dokumentiert. Als vorangegangene Chemotherapie erhielten 61% eine Kombination aus Gemcitabin/Cisplatin und 36,2% Gemcitabin/Carboplatin – zumeist über 4 (n=79; 44,6%) oder 6 Zyklen (n=54; 30,5%) (4). Das mediane progressionsfreie Überleben (mPFS) betrug 5,8 Monate. Das mediane Gesamtüberleben (mOS) war zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht erreicht (17,0 Monate–nicht ermittelbar [NE]). Die OS-Rate nach 6 Monaten lag bei 80,6% (95%-KI: 73,9–85,7), nach 12 Monaten bei 69,1% (95%-KI: 61,1–75,7) (4).
JAVEMACS-Studie: Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie bei Patient:innen mit la/m UC in Japan – Wirksamkeitsdaten und Behandlungsmuster aus der Behandlungsrealität
In der nicht-interventionellen, retrospektiven JAVEMACS-Studie wurden die Daten von Patient:innen mit la/m UC in Japan ausgewertet, die eine Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie erhielten (n=350). Die Ergebnisse der Primäranalyse wurden von Kitamura et. al präsentiert. Die wichtigsten Resultate waren (6):
Von den Patient:innen, die die Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie beendeten (n=283), erhielten 70,7% (n=200) eine Zweitlinientherapie.
Die Patient:innen erhielten als Zweitlinientherapie häufiger eine Monotherapie mit Enfortumab Vedotin als eine platin-haltige Chemotherapie (66,5% versus 20,5%).
Das mediane OS betrug 38,9 Monate ab Beginn der Erstlinienchemotherapie, unabhängig von der Zweitlinientherapie.
Diese Daten aus der japanischen Behandlungsrealität zeigen den klinischen Nutzen für das OS bei Avelumab-Erstlinienerhaltungstherapie, insbesondere wenn dieser eine EV-Therapie in der Zweitlinie folgt (6).
Quelle:Merck
Literatur:
(1) Eckstein M et al. J Clin Oncol (2025), ASCO-GU 2025 (suppl 5; abstr 828)
(2) Fachinformation Bavencio ®, aktueller Stand.
(3) Klümper N et al. J Clin Oncol (2025), ASCO-GU 2025 (suppl 5; abstr 827)
(4) Goebell PJ et al. J Clin Oncol 2025, ASCO-GU 2025 (suppl 5; abstr 706)
(5) Kitamura H et al. J Clin Oncol (2025), ASCO-GU 2025 (suppl 5; abstr 701)